Donnerstag, 20. Januar 2011

Kommentar: Die FIFA sollte ihr Konzept überdenken

Viel wurde in den vergangenen Wochen über die WM Vergabe 2022 nach Katar diskutiert. Von klimatisierten Stadien und einer WM im Winter war da die Rede. Zuletzt wurde auch die Frage über eine Spielplanänderung in ganz Europa erörtert, unter anderem Rudi Völler forderte eine Saison von Februar bis November. Wir wollen einen Blick auf die Diskussionen werfen und das Konzept der FIFA in Frage stellen.


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Als die FIFA Ende letzten Jahres Katar als WM-Ausrichter 2022 bekanntgab, gab es zwei Gewinner und viele Verlierer. Die Gewinner heißen Katar und Joseph Blatter. Katar wird die erste WM in seiner Geschichte austragen und hat damit die Chance, sich in der Fußballwelt zu etablieren.
Joseph Blatter hingegen hat weiter an seinem Denkmal gearbeitet. Er, der Weltentdecker aus der Schweiz, der zunächst das Sommermärchen in Deutschland, dann die erste WM auf afrikanischem Boden in Südafrika ermöglichte. Und jetzt will er den Horizont der internationalen Fußballwelt nochmals erweitern.
Womit wir schon bei den Verlierern wären. Und diese Verlierer müssen sich vor allem mit ungelösten aber zweifelsohne im Raum stehenden Fragen beschäftigen.

Da wären zum einen die großen europäischen Ligen. Nach wie vor sind sie der Mittelpunkt der Fußballwelt, kein anderer Kontinent auf der Welt kann Ligen mit einer solchen Anziehungskraft vorweisen. In England, Spanien, Deutschland und auch Italien sind nicht nur die meisten Stars zu hause, sondern auch die meisten Fans säumen wöchentlich die modernen Stadien. Diesen Ligen wurde vor den Kopf gestoßen, erst 2030 wird wieder eine WM in Europa ausgetragen werden, und auch die mögliche Spielplanänderung (dazu später mehr) würde schaden.

Ein anderer Verlierer sind die Fans. Die WM 2022 wird auf keinen Fall ein Publikumsmagnet sein. In Katar selber spielt Fußball keine große Rolle und viele Zuschauer werden sich die teuren Reisekosten wohl auch nicht leisten können. Auch die Anstoßzeiten wären sehr fragwürdig, scheint es momentan doch sehr unwahrscheinlich zu sein, dass die Spiele zur besten Sendezeit angepfiffen werden. Und im Winter werden sich wohl auch nicht Tausende auf den Straßen zum Public Viewing treffen. Was wird aus den Fans?
Weiterer Verlierer: Die Spieler. Ob im Sommer bei 40° Grad zu trainieren oder mitten im Winter Fußballzauber zu zelebrieren - beides ist von den Spielern nur schwer zu verlangen.Eine Qualitätssteigerung, wie sie von Blatter häufig propagiert wurde, wird nicht zustande kommen.
Bleibt noch der größte Verlierer, nämlich die Umwelt. Am Tag, als in Cancun, Mexiko, neue Klimaverträge verhandelt wurden, um den Klimawandel zu stoppen und die Temperaturerhöhung im Rahmen zu halten, vergibt die FIFA die WM nach Katar. Nach Katar, wo die Stadien künstlich klimatisiert werden sollen, wo also über 4 Wochen Energie verschwendet wird, was vollkommen gegen die Idee des Schutzes unserer Umwelt spricht. Absolut unverständlich eine solche Entscheidung.

Nun wollen, wie schon oben angeklungen, einige die WM in den Winter verlegen, sprich im Januar und Februar austragen. Die Konsequenzen wären unvorstellbar. Denn viele wollen nicht nur eine verlängerte Winterpause im Jahr 2022, sondern eine radikale Reform des Spielplans. Das würde bedeuten, dass in Zukunft von März bis Oktober gespielt wird, Länderspiele, sowohl Qualifikations- als auch Freundschaftsspiele, sollen von November bis Februar ausgetragen werden.

Dass man dann in Deutschland, Spanien, Italien und Co. im Juli bei teilweise weit über 30° Grad spielen müsste, wird vollkommen außer Acht gelassen. Also das gleiche Problem, das bei einer regulären Austragung der WM in Katar vier Wochen lang auftreten würde, hätte man in Europa jedes Jahr für 2-3 Monate zu bewältigen. Inwieweit eine Sommerpause geplant wäre, ist noch nicht bekannt, allerdings würde eine Sommerpause aufgrund des Zeitdrucks wohl wegfallen. Ob man die Fans jedoch wirklich für 34 Wochenenden am Stück begeistern kann, bleibt wie so vieles fraglich.

Und die Fans? Sie wären wieder die Verlierer des Ganzen, müssten sie in Zukunft doch größtenteils bei klirrender Kälte in den Stadien stehen. Apropos klirrende Kälte: Sollte es tatsächlich zu einer Spielplanreform kommen, was einige schon für die nächsten Jahre planen, müsste man in Russland 2018 bei Temperaturen weit unter 0° Grad spielen. Außer die Änderung tritt nur für die WM 2022 in Kraft, was bedeuten würde, dass der komplette Spielplan binnen 4 Jahren 2 mal revolutioniert werden müsste. Eine logistisch nur schwer vorstellbare Alternative.

Sollte die Spielplanreform jedoch tatsächlich kommen, müsste diese Änderung bestens geplant werden. Wenn eine Saison im Mai zu Ende geht, gäbe es zumindest im ersten Jahr der Reform große Probleme, da eine Überbrückungszeit von 9 Monaten bis zum darauffolgenden Februar bewältigt werden müsste.

Die FIFA und allen voran Joseph Blatter muss aufpassen, dass sie nicht die Fans, Vereine und Verbände Europas vertreiben, denn sie sind nach wie vor die Stützen des internationalen Fußballs.

Der gefährliche Trend, dass Geld vor alles geht, hat mit der WM-Vergabe 2022 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Dadurch schwimmt die FIFA und ihre Funktionäre zwar im Geld, der Fußball selbst verliert hingegen an Bedeutung. Dass in Zeiten der Kommerzialisierung des Fußballs Rufe nach dem Ende der rein kommerzorientierten Politik der FIFA laut werden, ist zwar verständlich, aber auch genauso überflüssig, da man den Wandel in der globalisierten Fußballwelt genauso wenig stoppen wie aufhalten kann.

Viel mehr geht es darum, das Geld in Zusammenarbeit mit den wirklich wichtigen Verbänden der Welt sinnvoll zu investieren, um alte Fans nicht zu verlieren und gleichzeitig neue zu gewinnen.

Denn klar ist: Der professionelle Fußball steht und fällt mit seinen Fans.

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