Sonntag, 3. April 2011

Kommentar: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel!

Ganze 84 Meter ragt der General Sherman, der größte Riesenmammutbaum der Welt, in den Himmel. Der Umfang dieses Prachtstücks, das im kalifornischen Sequoia-Nationalpark beheimatet ist, beträgt ganze 31 Meter! Metaphorisch könnte allein Borussia Dortmund mit diesen Maßen verglichen werden - denn die Borussia ist das Team der Stunde in der Bundesliga, greift schon mit einer Hand nach der Meisterschale. Andere Überraschungsmannschaften aber - Hannover, Mainz und Freiburg - müssen erkennen: In den Himmel wachsen die Bäume nicht. Vor zu hohen Erwartungen muss deshalb eindringlich gewarnt werden!


Mainz. Mit einem Punkt wollte sich gestern am Mainzer Bruchweg keines der beiden Teams zufrieden geben. Nach 90 Minuten stand es zwischen Mainz 05 und dem SC Freiburg 1:1. Eine gerechte Punkteteilung könnte man meinen. Über die allerdings war Freiburg-Coach Robin Dutt "letztlich traurig" und Mainz-Trainer Thomas Tuchel meinte nach Schlusspfiff: "Das ist nicht unser Anspruch."

Die gestiegene Erwartungshaltung hat man bei den zu Saisonbeginn als Abstiegskandidaten ausgerufenen Mannschaften vor allem dem Erfolg der letzten Monate zu verdanken. Mainz auf Platz fünf, Freiburg auf Rang acht - die Bundesliga spielt verrückt und die Trainer machen mit! Bodenständigkeit, Bescheidenheit, Bewusstsein - all die Werte, die in Mainz und Freiburg noch in den vergangenen Monaten hochgehalten worden waren, scheinen den handelnden Personen nunmehr abhanden gekommen zu sein.

Perverse Erwartungshaltung

Den Erfolgshunger der Überraschungsteams in Ehren - aber es scheint, als habe so mancher Akteur die Bodenhaftung verloren! Mainz träumt von der Europa League, ist erfolgshungrig wie eh und je. Doch was ist, wenn der Karnevalklub scheitert? Was geschieht, wenn die hoch gesteckten Ziele nicht erreicht werden? Mir persönlich kommt es fast ein wenig anmaßend vor, dass sich Mainz nun in jedem Spiel und gegen jeden Gegner die Vorgabe steckt, drei Punkte einzufahren. Der FSV ist seit drei Ligaspielen ohne Sieg, hat insbesondere im Duell mit Borussia Dortmund vor zwei Wochen beim glücklichen 1:1 seine Grenzen aufgezeigt bekommen. Erwartung und Leistung drohen auseinander zu driften! Kann Mainz diesen Balance-Akt weiter vollführen - ohne am Ende tief zu fallen?

Denn perspektivisch wird es schwierig für die 05er, an diese atemberaubende Saison anzuknüpfen. Leistungsträger wie André Schürrle (nach Leverkusen) und Lewis Holtby (zu Schalke 04) verlassen den Klub, in der neuen Saison steht wohl mit der Teilnahme am internationalen Wettbewerb eine weitere Belastung an! Wollen die Mainzer hier bestehen, sollten sie sich abermals vor zu optimistischen Vorgaben hüten. Ansonsten brechen sich die 05er das Genick an der eigenen Erwartungshaltung.

Frust in Freiburg, auch Hannover grämt sich

Die Trauben in der Bundesliga hängen hoch - auch für die Überraschungsteams. Der SC Freiburg hat nach dem gestrigen 1:1 nun acht Zähler Rückstand auf einen Europa-League-Platz. Der Traum vom europäischen Fußball scheint geplatzt. Entsprechend sauer war Robin Dutt nach Abpfiff: "Ich kann nicht zufrieden sein, denn wir hätten hier mit einem Sieg nach Hause fahren müssen", tobte der Coach. Ihn zieht es zum Saisonende nach Leverkusen. Champions League statt Abstiegskampf heißt es dann für den Fußballlehrer Dutt. In Freiburg lässt er womöglich ein fußballerisches Vakuum zurück, das Nachfolger Marcus Sorg nicht zu füllen vermag. So könnte der ganz große Frust bei den Breisgauern erst in der kommenden Spielzeit einkehren - wenn das Team mit den hohen Erwartungen nicht umgehen kann und die Welle des Erfolgs verebbt.

Ebenfalls im Fokus am gestrigen Samstag stand das Duell zwischen Borussia Dortmund, dem Riesenmammutbaum der Liga, und Hannover 96. Das schlichte, fast unscheinbare Gewächs aus Hannover hat im Laufe dieser Spielzeit unter der Leitung von Trainer Mirko Slomka gewaltige Triebe gebildet. Forsch, unbeirrbar, erfolgreich, taktisch diszipliniert trat das Team auf. Doch gestern versagten die Niedersachsen, kassierten nach einer 1:0-Führung vier Gegentore, über die Slomka "niedergeschlagen und enttäuscht" war. Die Ansprüche in Hannover sind mit den hehren Erfolgen der vergangenen Monate rasant gestiegen. Kapitän Cherundolo gab gestern zu Protokoll: "Wir sind jetzt schon frustriert, denn wir hatten hier die Chance zu gewinnen. Das ist jedes Wochenende unser Ziel."

Erfolg um jeden Preis. Die Bundesliga schlägt eine Schlacht. Klein gegen groß, Newcomer gegen Traditionsklub, vermeintliche Abstiegskandidaten gegen Titelaspiranten. Die Karten wurden neu gemischt. Doch eine Rückbesinnung auf alte, noch gar nicht so weit zurückliegende Zeiten, scheint angebracht. Denn in den schwindelerregenden Höhen der Liga wird die Luft dünn. Zu dünn, als dass in Freiburg und anderswo die Bäume in den Himmel wachsen könnten.

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